MICHAEL RUËTZ-DELIUS - TEXTE 2 [ etwa ab dem jahre 2000 ]<br/> [ ETWA AB DEM JAHRE 2000 ]

MICHAEL RUËTZ-DELIUS
"TEXTE 2" [ etwa ab dem jahre 2000 ]

VORBEMERKUNG

ich habe meine texte ein wenig in kategorien eingeteilt. in dieser einteilung erscheint auch hier eine kleine auswahl

FORMALISMEN

kein free flow hier. kein Versuch, den einzelnen worten und sätzen ungeordneten auslauf zu geben. sondern der versuch, über eine übergeordnete formale struktur, wenn auch zuweilen spielerisch, dem sinn flügel zu verleihen. nicht lachen. irgend so etwas

POLITIK DIES NICHT

< artikel eins > die würde des formenden ist erst einmal unantastbar

< artikel zwei > jede formende / jeder formende hat das recht auf freie entfaltungsversuchung

< artikel drei > alle versuche der formenden freien entfaltung sind vor einer bewertung gleich

< artikel vier > die würde der reinen form ist unverletztlich

< artikel fünf > jede würde hat das recht sich zu bewahren

< artikel sechs > muster und struktur stehen unter dem besonderen schutz der persönlichen ordnung

< artikel sieben > die eigene formentfaltung steht nicht unter der aufsicht des staates

< artikel acht > alle friedlichen worte haben das recht sich ohne anmeldung oder erlaubnis zu formieren

< artikel neun > alle buchstaben haben das potential worte sätze kapitel und bücher zu bilden

< artikel zehn > das intrinsische verständnis der texte macht diese unverletztlich

< artikel elf > alle worte genießen das recht auf freizügige interpretation

< artikel zwölf > alle worte haben das recht ihren vortrag frei zu wählen

< artikel dreizehn > die innere schreibwerkstatt ist unverletztlich selbst wenn unergiebig

< artikel vierzehn > das eigentum an solchen worten wird gewährleistet aber eigentum verpflichtet

< artikel fünfzehn > worte können zum zweck des konstruktiven öffentlichen diskurses in gemeineigentum überführt werden

< artikel sechzehn > die urheberschaft darf nicht geleugnet werden und kein wort darf ohne seine zustimmung ausgeliefert werden

< artikel siebzehn > jedermann hat das recht sich mit bitten oder beschwerden an den formenden zu wenden solange dessen würde damit nicht verletzt wird

< artikel achtzehn > wer die freiheiten dieser artikel missbraucht verwirkt seine grundrechte an diesen freiheiten

< artikel neunzehn > sollte ein artikel eingeschränkt werden kann dies nur im einzelfall gelten und nicht im allgemeinen und wird jemand durch die veröffentlichung in seinen worten verletzt so steht ihm der wortweg offen

FRAGMENTE

hier sind ein paar Textfetzen, kurze Stücke. Sachverhalte, die nicht viele Worte gemacht haben. Sachverhalte, die keine großen Worte gefunden haben. Fragmente

ORAKELSPRUCH FÜNF

leise sprechen
es leise aussprechen
du wirst es

für die
die hören können
sie werden es

MODULAR CONNECTING BLOCKS

zufällig mal bei einem projekt in den händen gehalten
empfunden als etwas
das jenseits aller normen und technischer zusammenhänge sinn ergeben könnte

< environmental requirements of modular connecting blocks according to bellcore TR-NWT-001934 11/93 >
" there shall be
no blistering no fading or peeling of the enclosure
there shall be
no metal corrosion "

< in my words >
" there shall be
no blistering of thy humanity no fading of thy magic no peeling of thy friendly skin
there shall be
no corrosion of thy inner core "

GUIDED POEMS

manchmal schwirren textfetzen und zitate aus anderen quellen durch meine texte. hier habe ich sie als leitfaden genommen und mich daran entlang gehangelt. mich von ihnen führen lassen. es zumindest versucht

LYRISCHER RECYCLATOR EINS

auswildern heißt das (im editorial)

walk don't run (eine schuhwerbung)

was ist das wichtigste in ihrem leben meine gitarre (das interview mit einem ölsucher in kanada)

wind vom westen osten süden ... oder vom ventilator - mehr von der welt (eine cabriowerbung)

der spiegel ist ein raum-zeit-erlebnis die meisten glauben dass sie von verschiedenen seiten gefilmt werden
das stimmt nicht wir haben mit einem kunstgriff nur die zeit elastisch gemacht
(rem kohlhaas über die life-kleider-kamera in einer mode-boutique)

go spin the globe (die werbung eines elektrokonzerns)

tödliche spirale (ein artikel über den niedergang einer beratungsfirma)

und doch ist es auch auf einer anderen ebene wichtig die gemeinsame logik zu sehen
die hinter ihrem handeln steht ... es bestimmt das gesamte leben sämtlicher einzelsubjekte
und das weltweit ... ich glaube wir wissen nicht was demokratie heute bedeutet
der begriff steckt in einer krise ...
sinngemäß: reisefreiheit globales mindesteinkommen weltbürgerschaftsrecht
es sind forderungen die für die priviligierten der welt unglaublich bedrohlich erscheinen
(ein artikel über globalisierungskritiker)

je seltener ein fakt desto genauer der informationsgehalt desto wichtiger die information
(ein artikel über claude shannon)

je häufiger eine tatsache eingetreten ist desto wahrscheinlicher wird sie wieder eintreten
(thomas bayes)

wissen ist eine last (ein artikel)

wege aus dem chaos (ein artikel zu flughafenlogistik)

mangels entsprechender traditionen löwen und lianen war ich so gezwungen mir meine eigenen riten zu schaffen (ein artikel über vater und sohn)

nichts - weil es genug ist die vögel zu hören bei sonnenaufgang
(eine leere seite und noch eine)

[ alle zitate aus der zeitschrift brand eins mai 2002 ]

LANDSCHAFTEN

viele meiner texte entstehen in und/oder mit landschaften und auf reisen. manche haben diese denn dann auch zum thema

NUR DIE RICHTUNG STIMMT

ortloses eilen
durch die nacht
keine bleibe
kein lager
keine wärme
kein schutz
kein raum
nichts was
die kälte
der nacht
mildern könnte

nur ein fleck
von spärlichem licht
auf einer lichtung
das durch das blätterdach
an den wolken vorbei
auf den boden scheint
und jetzt schon wieder verschwunden

vor der nacht entfliehen
der sonne entgegen hasten
der erschöpfung davon kriechen
dem delirium davon torkeln

nur die richtung
stimmt

MONTSERRAT METAPHYSISCH

montserrat catalunya das vall malalt das böse tal
es zerschneidet diesen gebirgsstock
die mönche hier im kloster sie sind zu beneiden

sie können in ihrem ornat entschweben zu fuß
richtung der einsiedlerklausen oder in die wildnis abseits der touristenströme
oder auf den betonierten pilgerpfaden durch die berge auf der oberfläche dieses berges
oder mit den zahnradbahnen den autobussen pkws oder der seilbahn

sie können auch einfach nur kurz vor sonnenuntergang
wenn die touristenmassen verschwunden sind
ein paar schritte die pfade und wege entlang gehen
und sie sind allein mit sich und den bergen
und der abgeschiedenheit in der höhe

ein leben im entschweben im schweben
ein teil davon wird für die mönche gelten können
aber die vorstellung davon für nicht-mönche
wird ein traum bleiben müssen denn ein leben im fehlgehen ist deren realität

es ist vielleicht realistischer
von einem leben im schweben zu träumen
aber ein leben im fehlgehen zu führen
und im vorwärts schreiten und im richtigen und falschen

für manche mag der fortlaufende sündenfall
eine paradiesische vorstellung sein
aber das fortlaufende paradies wäre ein sündenfall
für diejenigen die so etwas erwarten

unglück auf dauer geht nicht
glück auf dauer auch nicht

bist du glücklich
zweimal gefragt
nie richtig geantwortet

sei vorsichtig
mit deinen fragen und antworten sie können lebendig werden
und ein einhalten dessen fordern was geantwortet wurde
und in den nächten das rauben was nicht geantwortet wurde

ZÜRICH KÖLN

auf der klosterinsel rheinau kurz hinter dem bodensee in die ruhe hinein
und hinaus in die zu vielen kilometer für einen ersten tag

mit haut und haar nur du und ich alles von mir warum nimmst du nicht alles von mir
so klingt es noch nach aus dem konzert all of me why don't take all of me
in der zugabe haben sich die beiden sängerinnen einen spaß aus dem refrain gemacht take my arm i don't need it

zum belchen hinauf breche ich fast zusammen zu viele höhen
oder zu viel tiefe der täler und der erdmanns-höhle an diesem tag für mich

bleib weg von meinen gedanken
ich meine das was an ihnen nagt und sie zweifelnd bedrängt in diesen ersten tagen

im kinzigtal bei der erneuten querung des schwarzwaldes
die nebelbänke bleiben an den hängen liegen es klart nicht auf

die autobahnbrücke über den neckar wiedergutmachung an der landschaft weil so oft schon darüber gerast
von stuttgart oder zürich aus martin wird über den satz schmunzeln

ist das schon weite von landschaft wenn man aus der enge der täler
und dem grün der wälder hinaus fährt in das sonnengelb der felder

will der hochebene von den tälern erzählen
bin glaube ich zu leise oder zu schnell sie hört mir nicht zu

im nordschwarzwald richtung pforzheim lese ich von amuletten und krankheitsbriefen
gegen die säuglingssterblichkeit hören die wälder darauf frage ich mich

wenn man die wälder in sein leben einbinden könnte
man würde auch mit der gefahr leben müssen und der wildnis

in germersheim am rhein ein schläfchen zu füßen eines jakobspilgers aus stein
bin kein pilger trage keine muschel aber er wird mir die ruhe gönnen

das zitat eines höhlenforschers aus dem schwäbischen sinngemäß
" ich bin wortkarg geworden im mitteilen dessen was man unter tage erlebt
und wie das mitteilen schwierig geworden ist da erst bin ich höhlenforscher geworden "

in mannheim eine flasche wein am rhein in guter gesellschaft
warum zieht sich das wasser am ufer für einen moment zurück wenn ein schiff vorbeifährt

in niederwürzbach
wo zum teufel ist der gollenstein

ich will ballast abwerfen
und sollte doch stattdessen ballast tragen lernen

in der pfalz heute wie in trance mit einem permanenten tritt und mit den hügeln per du
mit dem empor vertraut und mit dem schweiß um die wette

bin auf dieser tour unterwegs mit dem rhein als einem leitfaden meines weges durch die landschaft
merkwürdig dass mir das an der saar durch den kopf geht

auf dem weg zurück zum rhein muss mich in den tag hinein kämpfen
ich bin unvollständig liegt das daran

in bacharach am rhein hoffe dass es nur in der nacht gewittert und nicht morgen
die lärmende zugtrasse lässt mich nicht schlafen die luft im zimmer ist zu heiß für mich alleine

am dom zu köln unspektakulär eigentlich die ankunft und die letzten kilometer
aber was habe ich erwartet nur die summe der augenblicke ist spektakulär aber dies sehr
und wenn ich diese summe messen würde indem ich messe was sich geändert hat in mir
ich wüsste nicht was ich finden würde

zwei tage später im zug auf dem rückweg in die schweiz
will ich nicht aus dem fenster schauen das ist nicht die landschaft durch die ich gefahren bin
die ich befahren habe erfahren bin
viel zu schnell mache wieder kaputt befürchte ich

wieder in meiner wohnung mein grund will sanft beschwiegen werden
mein körper belebend entspannt werden

IM HARZ

viele stunden heute fotografiert
danach der dämmerung entgegen gewandert
mit langsamer werdendem schritt

der wind legte sich
der wald wurde ruhiger
das licht ließ nach

und dazu
mein müdes schreiten
am ende eines guten tages

durch viel wald heute auf meinem weg
der brocken
blieb den ganzen tag verschwommen

und konnte so
verdeckt und unnahbar
in der ferne bleiben
ein stück weit vielleicht auch bei sich

vermute dass ich
heute mit dem brocken
etwas ähnlichkeit hatte

VERDE

in den schweizer bergen
im kanton glarus am weg über den kistenpass
auf der muttseehütte
zweieinhalbtausend meter hoch etwa
beim nachtessen auch vier arbeiter
die wohl an der muttseetalsperre nebenan arbeiten
und in der hütte übernachten
der weg runter ins tal wäre wohl zu lang selbst mit der seilbahn
von der sprache und dem aussehen her
könnten sie aus dem tessin sein oder aus graubünden oder aus italien oder spanien stammen
einer summt leise vor sich hin
" verde te quiero verde "
ein lied das ich kenne
dann müssten sie wohl spanier sein
grün ich will dich grün
ein summen ein wunsch nach einer frau
in eine farbe gekleidet
genauer kenne ich den text nicht
aber sie spielen karten
er meint vielleicht auch nur die kartenfarbe
so wie kreuz pik oder herz
schade wäre das

LATE NIGHT POEMS

in der nacht liegt der ursprung. von vielerlei. oder in dem was nach/neben dem normalen kommt. darin/dadurch entstehen einige meiner texte. manche entstehen dadurch, manche darin. manchmal ist die nacht ein später abend, manchmal ein früher morgen. und manchmal ist mir die grenze zwischen nacht und dunkelheit ziemlich unklar

SCHEUES REH

gewissheiten
sie sind wie scheue rehe

es sind zarte
und sanfte wesen

gerade eben hatte sich eine
am waldrand gezeigt

zwei bier in einem lauten irischen pub
an einem freitag abend

und schon habe sie wieder vertrieben

MERKWÜRDIGE GESPRÄCHE

gespräche, monologe, dialoge. manche sind ganz schön merkwürdig. zumindest im kern oder in teilen. diesen verdanken ein paar texte das erblicken eines stück papiers oder eines flimmernden bildschirms. gespräche sind dabei nicht immer wirkliche gespräche

ZU VIEL ZU WENIG

< er >
habe ich schon zuviel nicht gesagt

< sie >
hm

< er >
wir sollten diesen ballast abwerfen

< sie >
haben wir genügend gemeinsames gepäck dafür

< er >
aber dann würden wir zu wenig beenden

< sie >
lass uns nicht zu viel raum schaffen für das zu wenig

< er >
aber du hast getanzt wo du hättest schweigen sollen

< sie >
und du hast geschrieben wo du hättest sprechen sollen

< er >
kannst du wie ich dein tun hören

< sie >
wirst du dein hören mehr tun als bisher

< er >
das sollte ich

< sie >
sprich mit mir

< er >
ich weiß nicht

< sie >
wie willst du mich in dieser stille hörbar machen

< er >
ja

ROLLENWECHSELEIEN

das lyrische ich ist mir normalerweile ziemlich nahe, glaube hoffe denke befürchte ich. aber in diesen texten hier ist es relativ weit weg, glaube hoffe denke befürchte ich

EIN MUSCHELLEBEN

lasst mich hier noch etwas ruhen
sagt dem mond er soll die gezeiten ein wenig dämpfen
sagt der strömung dass ich noch etwas zeit brauche

lasst mich noch etwas im warmen sommerwind trocknen
vertröstet die öligen unverdaulich gemachten rümpfe der tanker
vertröstet auch vielleicht die umtosten felsen der steilküsten im norden
wenn euch das nicht zu weit ist

lasst mich noch etwas an diesem holzpfahl hängen
altes morsches holz der teeranstrich nur noch rudimentär
aber hier kann ich das wasser durch mich strömen lassen
hier bei den anderen muscheln und neben den anderen pfählen
in reihe gesetzt ein wellenbrecher wohl

denn ich werde nachlässig werden wie schon einmal
werde dann wieder getrieben weit weg
werde die entfernung nicht mehr schätzen wollen
und schließlich versinken in einen dieser meeresgräben
zu wesen voller abgründen die nach mir greifen
und ich werde nicht immer so viel glück haben
dass die griffe fehl gehen
wesen von denen ich vielen besser ausweichen werde
und die oberfläche und die strände werden wieder zu fernen schimmern

denn ich werde wieder herumgewirbelt werden
von einer strömung mitgesogen an die oberfläche vielleicht auch einmal
meine kräfte werden erneut zu schwinden beginnen
aber das meer wird nicht mehr so tief sein
bis mich eine welle erschöpft auf eine sandbank treiben mag bei ebbe dann wohl
und ich weiß sonst nicht viel
meine erinnerung wird dann wieder schwinden
aber lasst mich noch etwas ruhen

SLAMMING JOURNEYS

hier befinden sich texte, die keine Slam Poetry sind, glaube ich, aber die sich ein wenig, zumindest einige, am slamming orientieren. und, sie haben immer auch mit einer Reise zu tun, erlebt oder vorgestellt oder übertragen

SANTANDER

in synchronisation mit dem spiel
im vertrauen auf einen kokoon
unter rückgriff auf bewegungsmuster
mit hilfe von eintrainierten abläufen

auf dass wir nicht stolpern
auf dass wir eine chance haben es richtig zu machen
es erfolgreich zu beenden
auf dass wir uns nicht permanent sorgen müssen

meine schutzhülle hat dellen bekommen risse und löcher
an dem kanal im dunklen an der schleuse im norden der stadt
mein vertrauen dass schon nichts passieren wird
mein vertrauen keine angst vor gewalt haben zu müssen

weiß nicht ob ob das von selbst wieder heilt
welche salbe welches pflaster ich benutzen soll
weil meine schutzhülle mir jetzt manchmal so dünn vorkommt
fast wie die hauchdünne atmosphäre um unseren planeten
eingefangene moleküle aus den weiten des weltraums über jahrmilliarden

ich bin ein mann des strandes sagt stu
aber ich bin ein mann der ebenen und der bewaldeten hügel
schutz und illusionen in den wäldern
begrenzung durch die täler und spitzen
und dennoch die weite der landschaft als versprechung
um zu erkennen was auf mich zukommt
die dellen und risse und löcher habe ich nicht vorausgesehen
der schmerz war umso größer

aufmerksamkeitsregulation im nah und fernbereich
mit dem ball ohne den ball in überzahl in unterzahl
meine aufmerksamkeitsregulation schwankt immer mehr
würde gerne nur beim kleinen und nahen bleiben
aber immer wieder schiebt sich das große ferne ins blickfeld
und lässt das nächste abspiel im aus landen

begriffliche übernahmen aus einem trainingslager
sportliche anleihen anregungen
denke zweifelnd daran
und hoffe dass die deformationen meines lebens
sich wieder ausbeulen lassen
durch einen regenerationslauf mindern lassen
durch gymnastik und massagen aus den muskeln
und aus der haut kneten und dehnen lassen

SAALE WEGE

< in saalfeld >
das arbeitsamt in einem kleinen haus
unter einem geschäft
mit einem großen schild "sonnenstudio"

< reisegrummeln >
kann mittlerweile leichter verkraftet werden

< nach dem abendessen >
am saaleufer dem fluss zugeschaut
das wasser sah schwarz aus
denke an jenes das trakl beschrieben hat
nein das ist es wohl nicht
aber darauf die glitzernden reflektionen der brückenlaternen
dem fluss so etwas wie zugehört und den gedanken und worten in mir
das alleine sein nötig um das zu können vielleicht
ich kenne ein lied von den pogues in dem es ungefähr heißt
" i stood and watched the waters of the rhine pass by and no one knows but loreley "
gibt es eine loreley auch an der saale
ich durchsuche die wanderkarte und finde dort
den herrmannsfelsen den drachenschwanzblick die amalienhöhe günthersheil das teufelstal den
mühlfelsen die friedenshöhe den wolfsgraben den nonnenwald das sühnekreuz den eselsberg den
marienstein
alles zusammen genommen und übereinander gelegt
käme wahrscheinlich schon so etwas wie eine loreley dabei raus unscharf zwar aber gleichend
fehlt nur noch der richtige felsen im fluss an dem schiffe auflaufen und sinken

< im fernseher >
eine sendung über den maler turner
immer wieder geht dieser auf reisen
und er bringt mit so heißt es
" meisterschaften malerischer dramatik naturgewalten und neben ihnen mensch und tier und soziogramme des alltags er malt auch den rheinfall bei schaffhausen ein dampfschiff in schwerer see great western railway impressionen aus venedig metaphorik radikaler ausdruckswille seine skizzen und bilder sind studien für seine werke die er zu hause fertigt manchmal lässt er das weiße des papiers durchschimmern um die hitze des sommers zu illustrieren rom bleibt ihm als erinnerungslandschaft seine malweise hat sich emanzipiert schemen die sich vom motiv zu lösen scheinen "
eine bemerkenswerte dokumentation

< ein blick aus dem fenster >
es schneit

< auf dem weg zwischen sonnenuntergang und hotel fuchsbau >
na ja die sonne ist gar nicht erst erschienen kann sie dann untergehen
aus einem lied der kings of convenience " let your hips do the talking "
aus dem norwegischen bergen kommen diese also die musiker
ich denke im unkonzentrierten rutschen auf den verschneiten wegen im dunklen
lass deine füße dein reden übernehmen oder nein
lass deine füße dein gehen übernehmen und auch das tasten
nutze sie nicht nur zum aufsetzen stützen abstoßen

< an diesem ersten tag >
zu viele kilometer für einen ersten tag bin in die dunkelheit gekommen
erst verlaufen dann geirrt an straßen entlang sehr spät erst einkehr genommen
aber dann noch gastfreundschaft essen und ein dunkles bier
aber ich suche diese wanderhärten und wanderwohltaten auch
" stepping out of the ordinary " so heißt es bei "anna" von fynn als ein zitat über goethe wohl
komplizierter bezug ja ich weiß

< am zweiten tag >
zen-mönche würden vielleicht sagen lass deine füße das denken übernehmen
so habe ich das jedenfalls verstanden also die zen-mönche
wenn sie versuchen in ihren meditationen an nichts zu denken oder halt
sie versuchen das nichts zu denken nein
sich versuchen nicht zu denken nicht mehr zu denken
nicht zu begehren da bin ich sicherer
und ist das dann apathie oder gleichmut
wie groß ist der unterschied und was

< in der s-bahn von hennef nach ehrenfeld >
ein ereignis klingt noch nach
in deutz stiegen zwei teenager aus treffen freunde
die s-bahn fährt wieder an einer der beiden nimmt ohne anlass anlauf
und springt voll mit dem körper gegen die bahn an einer stelle neben der tür
klatscht dann mit seinen freunden ab
ich habe ziemlich genau da gesessen wo er gegen gesprungen ist
habe ihn kommen sehen wahrgenommen dass er quatsch machen scheiße bauen wollte und springen wohl
habe mich nicht gerührt aber auch nicht erschrocken
weil ich vielleicht vermutet gehofft gewusst habe dass außer einem lauten geräusch nichts passieren kann
war das apathie oder gleichmut oder gelassenheit oder reaktionsschnelligkeit oder handlungsunfähigkeit

< feine formulierung >
der gute umgang mit worten ich spreche mit einer freundin darüber
wann kann das gelingen
im feinen und mehrfachen destillieren
oder im spontanen wörterfluss und woran ist das gemessen
wann bleiben nur die worte und ich und der und die die sie empfangen
ist es deswegen dass man andere standpunkte suchen muss
in religion philosophie sport kunst natur

< eintrag auf der to do liste >
ein schritt nach dem anderen

< unterwegs >
diese große lpg mit ihren gebäuden und anlagen sind das die müller tuch porzellanwerke vielleicht
minimal genutzt ungenutzt vernachlässigt aber eine sehr große anlage

< von der waldmühle nach jena>
bin mit handy unterwegs ungewohnt ist das
am bergsturz dohlenstein vorbei
wie laut die autobahn an der rabenschüssel tönt
konnte mich nicht daran erinnern
der einmarsch nach jena
vernetzte landschaften das ist gut

< in jena >
ein freund gestern verpasst jetzt am telefon
bremse einlegen will er bei einer frau
gas geben musst du sage ich ihm
und ich weiß nicht ob ich eher über das gas geben oder bremsen nachdenken soll
am abend im planetarium
eine schöne wohltuende runde alter freunde

< auf dem heimweg >
es fehlt ein zugteil in erfurt
viel verspätung
der anschluss in frankfurt ist weg
frust
irgendwann dann in köln
gehe früh ins bett
unruhig

< ein paar tage später >
nach dem ich bruce chatwin gelesen habe also sein buch "song lines"
" to sing the world into existence
landscape has meaning
singing the world into existence "

< singing >
die welt zum existieren singen
hm wohl eher ein stolpern oder brummen und krächzen
die welt zum existieren stolpern
stumbling the world into existence
das gefällt mir

DURCH DEN WILDEN NORDEN - KURZ

< schleswig >
ein berg ist ein berg das prinzip ist wichtig

< aschermittwoch >
die erste direktive sie wurde verletzt

< øresund >
es will nicht dunkel werden dennoch sind die vorhänge so lichtdurchlässig

< hovs hallar >
" i'm not looking for birds i'm just looking "

< unter den wolken >
kann fast spüren wann und ob es sich einregnet

< store stegerstad >
bin wohl ein wenig in die wälder und moore hineindiffundiert

< midsommar >
die langen wolken gleichen den seen strukturen die sich weitergeben

< felsentrolle >
beginne ihnen zu lauschen

< sverige >
mehr wind als wolken mehr wolken als sonne mehr sonne als regen

< stockholm >
eine ahnung von etwas im regen der hauch verweht

< helsingør >
die felder riechen

< husum >
ein land das sich bei wind duckt zwischen den meeren und hinter den deichen

< caspar david friedrich >
" expressive autonomie "

INNERLICHKEITEN

dinge aus dem inneren, gut das sind die anderen auch, aber hier häufig ohne verbindung zur außenwelt. nachdenklichkeiten damit wohl vielleicht auch

ALLES WAS ICH SAGEN KÖNNTE

alles was ich sagen könnte
würde bedeuten dich zu verletzen
also werde ich besser schweigen
"die worte die du niemals sagtest"
alles was ich sagen könnte
wären worte der ablehnung
der enttäuschung von nicht von nein von lebe wohl
also werde ich sie nicht sagen
und ich hoffe inständig dass du dieses verstehst
wortloses verständnis
darauf hoffe ich jetzt
ihn enttäuschen ihn betrügen ihn mich
und den moment und die gelegenheit
das außergewöhnliche
alles was ich sagen kann

LAUTE WORTE

träume in der nacht
worte in meinen träumen

freiheit das gleiche wie unsicherheit
sicherheit das gegenteil von freiheit

laute worte
sie kommen immer wieder

ein schritt
ein schritt ist ein einziger schritt
ein einziger schritt ist ein schritt

der nächste schritt
ist der schritt
nach dem der vorher war

ein schritt nach dem anderen
ist ein prinzip
aber ein prinzip für wen

perlen an einer silbernen schnur
die einen zarten nacken
umfließen sollte

schläge auf einer trommel
die den takt vorgeben
zu einem sanft fließendem lied

ein streichholz das zu einem feuer wird
ein feuer das ein brennendes verlangen nährt
eine nacht voller träume
träume voller nächte

vorschlaghämmer und abrissbirnen
und staub der sich auf mich legt
auf meiner zunge bleibt
in meine gedanken eindringt

laute worte
keine beruhigung darin
gewissheit darüber

RUNNING ON HOPES

i was running on hopes
on emotions long missed
on sunshine long hidden
on a violin's slow tune
on illusions strong
persistent
i was running on heavy fuel
on unchained wishes
on parties long over
on bands that had stopped playing

and all there was to do
was to leave what was left

and then i was running
on cold water
on dark bread
on salted butter

wishing for a long drizzle that would not stop for days
for a strong wind blowing all the leaves away
for a cold night that would make the midges leave for this season
for a grey sky hiding the sun
but instead i was running
on headaches and anger
on confusion and perplexity

and what was good among all this
was the feeling
that this maybe was the right way to feel

as a headache does not need releaf
to explain it's pain
and to fulfill its purpose

anger can explain the world
as it knows that somebody has hurt you
has done you wrong

and confusion then is perfect
perplexity complete as long as no one tries to explain them

all this is nothing new
but now i can name it

but running on silence
is still
so far away

AUßENWELTEN

texte, die aus der beschäftigung mit historischen, gesellschaftlichen, politischen themen entstanden sind. ein stück weit naiv wohl auch

LEBENSBESCHEINIGUNG

bern in der schweiz
in der deutschen botschaft dort

eine lange warteschlange
für visa-anträge
sie führt durch den garten
und um die botschaft herum

eine kurze warteschlange
für passangelegenheiten und ausweise
sie führt mich direkt in die botschaft hinein

und lässt mich irgendwann
vor einem schalter stehen
für die passausgabe
kein schweizer ausländerausweis
von der fremdenpolizei
sondern ein offizieller eintrag
in meinen schönen deutschen reisepass

ein anderer schalter auch
mit einer glasscheibe davor
mit einem deutschen beamten dahinter
der immer wieder kommt und geht

über dem schalter daneben steht
lebensbescheinigungen
dieser schalter war verwaist

habe im zusammenhang
mit bürokratie
von einer hydra gelesen
die sich gegen reformen wehrt
die sich selbst für das abschlagen ihrer köpfe noch
eine bescheinigung ausstellt

mir fällt ein spektakel ein
an der volksbühne in berlin
vor ein paar jahren
" wir bestätigen ihnen alles "
stand auf visitenkarten

ein theater spielt amt
ein amt spielt theater

wir bestätigen ihnen
dass sie am leben sind

BONNIE PRINCE CHARLIE

bonnie prince charlie der schöne tapfere prinz charlie

er wuchs privilegiert in rom auf als teil der stuart dynastie
sein großvater war könig von schottland und england er wurde abgesetzt durch william von orange
1745 schiffte er nach england über landete in schottland mit wenigen gefolgsleuten
konnte teile der clans hinter sich sammeln und errichtete die flagge der stuarts in glenfinnan
sie nahmen edinburgh ein schlugen die armee des englischen königs
die armee wuchs auf über sechstausend mann sie überschritten die grenze nach england
und kamen bis auf einhundertdreißig meilen an london heran dort wurden sie zurückgetrieben
vielleicht aus mangelnder unterstützung durch die franzosen

in culloden in schottland wurden sie 1746 durch die engländer vernichtend geschlagen
der prinz wurde zum flüchtling monatelang versteckte er sich in den highlands und auf den inseln
ein kopfgeld wurde auf ihn ausgesetzt die highland clearances traten in kraft
charlie traf auf einer insel flora macdonald sie half ihm bei der überfahrt nach skye
er war verkleidet als zofe und entkam schließlich nach frankreich
führte ein rastloses leben in europa bis er sich schließlich wieder in rom niederließ
dort findet er sein ende als schwerer trinker
mit skandalbehafteten gewalttätigen auseinandersetzungen mit seiner dreißig jahre jüngeren frau
er verließ am ende kaum noch sein palazzo starb als pathetischer trinker

es gibt ein lied über die flucht und es gibt auch eine werbung mit der melodie dieses liedes
gesummt von einer frau bevor der abspann kommt der "tag geht" und "johnny walker kommt"
aber der text des liedes hat mehr substanz

" speed bonnie boat like a bird on the wing onward the sailors cry
carry the lad that is born to be king over the sea to skye
loud the winds howl loud the waves roar
thunder clouds rend the air baffled our foe's on the shore follow they will not dare
though the waves leap soft shall ye sleep ocean's a royal bed
rocked in the deep flora will keep watch by your weary head
many's the lad fought on that day well the claymore could wield
when the night came silently lay dead on culloden's field
burned are our homes exile and death scattered the loyal men
yet e'er the sword cool in the sheath charlie will come again "

und mein onward cry mein vorwärts ruf
wo gehe ich an land welche truppen schließen sich mir an
wer beschützt meinen schlaf wenn die wellen bei der überfahrt tosen
wo endet mein weg werde ich dich um hilfe bitten können
speed bonnie boat loud the winds howl

DAS ORAKEL VON DELPHI

I

was ist fälschung was ist original
wer beurteilt das
wer beurteilt das für mich
wer beurteilt mich danach

kann ich dich überzeugen
wenn ich du sage oder wenn ich wir sage

und wenn du überzeugt bist
war ich dann überzeugend

und dabei soll es doch nur einfach gelingen
aber ich befürchte dass dies nicht reicht
dass ich es mir auch schwer machen muss
und kann ich das

II

das orakel von dephi
lange zeit durfte es nur einmal im jahr angerufen werden
nach der anrufung mussten sich die anwesenden reinigen
mussten lorbeerzweige reichen und opfergaben bringen

weissagungen waren der lohn
wahrheiten für die zukunft wohl
aber sie waren nicht umsonst
und man musste sich an regeln halten
und auf welche frage sollte man sich einigen

das orakel war dem gott apollo geweiht
es wurde dann mehr und mehr zum ruhmestempel
schließlich wurden denkmäler errichtet für siegreiche schlachten

wahrheit wurde von einer erkenntnis
zu einem schmuck und dann zu einer kriegerischen lobpreisung
sie wurde angehangen und besetzt
aber eine gewonnene schlacht ist immer auch eine verlorene schlacht

und wurden die weissagungen dann noch gehört
verstand jemand die bedeutung der orakelanrufung
dass wahrheiten wertvolle geschenke sein können
dass sie nicht missbraucht werden dürfen
dass man sie nicht absolut verstehen darf
dass sie einen inneren prozess voraussetzen
der sich dem guten und weisen zumindestens nähern will
wieso ging dieses wissen verloren

ALS EINE ART SCHLUSSWORT FÜR DIESEN ZWEITEN TEIL MEINER TEXTE

PERSONAL PRECIOUSNESS

I

everything is personal
i am sure about that no doubt

all fears
all hopes all theories

and of course
i am all personal in writing this

II

nothing is irrelevant
i am certain about that no doubt

the small the weak
the fading the fainting

and the irrelevancies
they can mean a world

III

every second is precious
i am positive about that no doubt

and every precious second
is the more so

even if it has every potential
of becoming ordinary illusionary deceptive soon

IV

everything is real
i am confident about that no doubt

every vertigo every illusion
every deception every imagination

but reality is nothing you could count on
as being something that can be taken in your hands easily

V

no doubt

NAVIGATION

seitenanfang    startseite    inhaltsverzeichnis    kontakt    referenzen    nachrichten    impressum    biografisches